
Wie wird die Zukunft aussehen? Mit dieser Frage beschäftigt sich der preisgekrönte Wissenschaftskabarettist und Diplom-Physiker Vince Ebert in seinem Programm „Zukunft is the Future“, das er am Donnerstag, 24. Januar, ab 20 Uhr im Kongresshaus Rosengarten in Coburg präsentiert. Im Interview verrät der 50-Jährige warum er bei seiner persönlichen Zukunftsplanung auf die Pizza-Margherita-Taktik setzt, welche Erfindung ihn absolut verblüffen würde und warum er vermutlich nie durch einen Klon auf der Bühne ersetzt wird.
In Ihrem Programm „Zukunft is the Future“ wagen Sie einen Blick in die Zukunft. Ist das überhaupt möglich?
Vince Ebert: Rein physikalisch gesehen steht die Zukunft schon fest. Da gibt es allerdings eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte: Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik besagt, dass es mit unserem Universum kontinuierlich bergab geht. Und spätestens seit Rammstein von Heino gecovert wurde, ist das jedem klar. Anderseits besagt der dritte Hauptsatz: ‚Man kann den absoluten Nullpunkt niemals erreichen‘. Und das macht Mut. Egal, wie beschissen es uns geht, es ist immer noch Luft nach unten.
Ist der wissenschaftliche Blick in die Zukunft nicht ein bisschen wie Kaffeesatz-Leserei? Schließlich haben sich Futurologen in den vergangenen Jahrzehnten mit ihren Vorhersagen schon bis auf die Knochen blamiert.
Vince Ebert: Das stimmt. Gerade in der Wissenschaft gibt es unzählige Erfindungen, die buchstäblich aus dem Nichts kamen. Porzellan z.B. wurde erfunden, weil die Alchemisten Gold herstellen wollten. Tesafilm sollte ursprünglich Heftpflaster werden. Viagra wurde entdeckt, weil männliche Versuchspersonen ein Herzmedikament in der Testphase partout nicht mehr absetzen wollten. Sozusagen der wissenschaftliche Beweis der Wiederauferstehung.
In der Psychologie gibt es den sogenannten Rückschaufehler, der besagt, dass man die Vorhersehbarkeit eingetretener Ereignisse im Nachhinein überschätzt. Wird man beim Blick in die Zukunft nicht automatisch mit einer Art Vorschaufehler konfrontiert? Dass man Ereignisse für ausgeschlossen hält, die doch eintreten können?
Vince Ebert: Auf jeden Fall. Deswegen warne ich im Programm auch davor, den Zukunftsgurus allzu viel Glauben zu schenken. Keiner weiß, welche Technologien in 20 Jahren unser Leben prägen werden.
Sie haben sich in Ihren vergangenen Programmen unter anderem mit der Evolution der Menschheit beschäftigt, also mit der Vergangenheit. Was fasziniert Sie an der Zukunft besonders?
Vince Ebert: Als Physiker blickt man naturgemäß in die Zukunft. Ich war schon als Kind ein totaler Science Fiction-Fan. Ursprünglich komme ich ja aus dem bayerischen Odenwald – aus Amorbach – und dort sind z.B. Reisen in die Zukunft keine Utopie. Sie müssen einfach nur 40 Kilometer nach Aschaffenburg fahren…
Lässt sich sagen, wie die Zukunft aussehen wird? Eher positiv oder negativ? Oder ist das eine Frage der subjektiven Wahrnehmung von Ereignissen?
Vince Ebert: Unsere Welt wird – entgegen der Auffassung von vielen Menschen – immer besser. Noch vor 200 Jahren lebten 94% der Weltbevölkerung am absoluten Existenzminimum. Und obwohl sich im Laufe der letzten 200 Jahre die Menschheit fast verzehnfacht hat, leben heute weniger als 10% der Weltbevölkerung in bitterster Armut. Es besteht also durchaus Grund, optimistisch zu sein. Noch vor 10 Jahren wurde Rudolph Mooshammer mit einem Telefonkabel erdrosselt. Das wäre heute rein technisch überhaupt nicht mehr möglich.
In den 50er und 60er Jahren haben sich die Menschen das Jahr 2000 als strahlende Zukunft vorgestellt. Mittlerweile scheint sich die utopische Stimmung in eine dystopische Erwartungshaltung verwandelt zu haben. Lässt sich sagen warum?
Vince Ebert: Evolutionär gesehen sind wir Pessimisten. Der Steinzeitmensch hat ja deswegen überlebt, weil er immer mit dem Schlimmsten gerechnet hat. Die fröhlichen Rambazamba-Typen, die sich gesagt haben ‚Ach komm, so schlimm wird es ja nicht werden‘ – die sind verhungert oder erfroren. Salopp gesagt haben wir uns also unsere Zukunft durch eine gute deutsche Dauerdepression erkauft.
Die Welt und insbesondere die Technik verwandelt sich anscheinend in immer schnellerem Tempo. Ist der Mensch einfach zu langsam, um da mithalten zu können?
Vince Ebert: Da ist schon was dran. Was unsere fundamentalen Denkprozesse angeht, sind wir Steinzeitmenschen in Hugo Boss Anzügen. Unser Gehirn hat sich seit 100.000 Jahren nicht mehr grundsätzlich verändert. Unser Betriebssystem läuft sozusagen auf einer Hardware, die das letzte Mal bei der Geburt von Johannes Heesters upgedatet wurde.
Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen, wie denken Sie werden Ihre Kabarett-Programme in 15 Jahren aussehen? Werden Sie noch persönlich auf der Bühne stehen oder übernimmt das dann der Vince Ebert-Klon, ein Ebert-Android oder gar ein Kabarettisten-Hologramm?
Vince Ebert: Ich bin fest davon überzeugt, dass mit zunehmender Technik, der Wunsch nach realen Menschen, also nach Authentizität, wächst. Dennoch müssen wir die Entwicklung von künstlichen Intelligenzen sehr aufmerksam beobachten. Und dabei stellen sich viele Fragen. Was wäre wenn Computer irgendwann mal intelligenter werden als wir? Wenn sie die Herrschaft übernehmen würden. In Amerika war das ja schon mal Realität. Da wurde Kalifornien acht Jahre lang von einem Terminator regiert.
Auf welche zukünftigen Entwicklungen sind Sie am meisten gespannt?
Vince Ebert: Eine Kaffeekanne, die nicht tropft, wäre schon ein Hammer. Aber das ist vermutlich totale Utopie.
In den 50er und 60er Jahren hatte kein Futurologe den Klimawandel auf dem Schirm. Denken Sie, dass es in den nächsten Jahren noch Entwicklungen gegeben wird, an die heute noch nicht im Entferntesten gedacht wird, die jedoch enorme Auswirkungen haben könnten?
Vince Ebert: Auch in diesem Fall bin ich optimistisch. Wissen Sie, was die renommiertesten Fachleute vor 150 Jahren als das größte Umwelt-Problem der Zukunft gesehen haben? Der Pferdemist in den Großstädten. Halten Sie mich für verrückt, aber Pferdemist ist derzeit nicht unser größtes Problem. Der Mensch ist innovativ und erfindungsreich. Die Steinzeit ist ja auch nicht zu Ende gegangen, weil es plötzlich keine Steine mehr gab.
Zur Vorhersagbarkeit zukünftiger Ereignisse: Wenn Ihnen jemand während Ihres Physikstudiums in den 90er Jahren gesagt hätte, dass Sie später Ihren Lebensunterhalt als Kabarettist bestreiten werden, was hätten Sie dieser Person geantwortet?
Vince Ebert: Das war tatsächlich nicht absehbar. Für mich am wenigsten und für mein Umfeld erst recht nicht. Als ich vor 20 Jahren beschlossen habe, als Komiker meinen Lebensunterhalt zu verdienen, haben deshalb auch alle gelacht. Jetzt lacht keiner mehr…
Quasi ein Blick in die Zukunft: Was erwartet die Zuschauer bei Ihrem Auftritt am 24. Januar im Kongresshaus Rosengarten in Coburg?
Vince Ebert: Lassen Sie sich einfach überraschen.
Wenn man seine eigene Zukunft möglichst gut gestalten möchte, worauf sollte man am meisten Wert legen? Hätten Sie da einen Tipp?
Vince Ebert: Was die persönliche Lebensplanung angeht, bin ich mit der Pizza-Margherita-Taktik immer recht gut gefahren: Erwarte nichts, dann wirst du im Zweifelsfall positiv überrascht.
Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Vince Ebert: Eine volle Hütte in Coburg!
Weitere Infos zu Vince Ebert gibt es unter www.vince-ebert.de