Mit einem Augenzwinkern hat er vom Kronacher Landrat Klaus Löffler den Titel „Unruhestifter“ verliehen bekommen. Er bezeichnete ihn auch als Botschafter nicht nur für die Region, sondern international. Der Schriftsteller Ingo Cesaro veröffentlicht seit den 60er Jahren seine literarischen Werke und sprüht seither vor Ideen, die umgesetzt werden wollen. Er hat mittlerweile über 300 Einzelveröffentlichungen vorzuweisen, hat an über 500 Anthologien und Sammelbänden mit geschrieben und selbst über 100 Editionen mit Gedichten anderer Autoren herausgegeben. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit hat er zahlreiche Kunstprojekte, wie zum Beispiel den Internationalen Vogelscheuchen-Wettbewerb, den Mitwitzer Künstlermarkt oder die Kunstmesse ARTKronach, in den vergangenen Jahren verwirklichen können. Eines seiner Herzensprojekte ist die HolzART Kronach. Zwei Wochen lang gastieren Holzbildhauer aus ganz Europa und darüber hinaus im gesamten Landkreis Kronach und arbeiten an ihren Holzskulpturen, während jeder Interessierte in den „offenen Ateliers“ zuschauen kann. Die fertigen Skulpturen können schließlich am Aufgang zur Festung Rosenberg bewundert und von allen Kunstliebhabern käuflich erworben werden. In diesem Jahr wurde die Ausstellung zur HolzART XXII Ende Juli eröffnet und kann noch bis zum 26. Oktober dort betrachtet werden. Doch Ingo Cesaros künstlerisches Wirken reicht weit über den Landkreis Kronach hinaus: Für Günther Grass durfte er fast 30 Ausstellungen bis nach Südungarn organisieren und erst kürzlich hat er für die Goldschläger-Stadt Schwabach in einem Mail-Art-Projekt die 902 kunstvollsten  Postkarten zum Thema Gold und darüber hinaus gesucht, die  bei „ortung XI“ im August ausgestellt wurden. Zudem schreibt er den Internationalen Lucas-Cranach-Preis aus . Deshalb ist er für Landrat Klaus Löffler nicht nur ein bloßer „Unruhestifter“, sondern ein kreativer Ideengeber. Im Interview hat uns Ingo Cesaro verraten, woher er seine Inspirationen für seine Werke nimmt, warum Haiku nicht einfach nur geschrieben werden und weshalb die HolzART jedes Mal aufs Neue begeistert.

Herr Cesaro, im Jahr 1965 haben Sie das erste Mal ein Werk veröffentlicht. Wann wurde Ihnen klar, dass Sie ein Schriftsteller sein wollen?

Ingo Cesaro: Meine ersten Werke habe ich in Literaturzeitschriften veröffentlicht. Damals habe ich mich nie als Künstler oder Schriftsteller gesehen. Mitte der 60er Jahre habe ich – mehr durch Zufall – meinen ersten eigenen Band veröffentlichen können. Und Ende der 70er Jahre  wusste ich mit Sicherheit, dass ich nichts anderes machen möchte.

Eine Kunstform, die besonders häufig in Ihrer Bibliografie auftaucht, ist das japanische Haiku, das aus drei Zeilen mit dem Silbenmuster 5-7-5 besteht. Wann sind Sie das erste Mal mit dieser außergewöhnlichen Kunstform in Berührung gekommen?

Ingo Cesaro: Das war bereits in den Anfangsjahren meines künstlerischen Schaffens in den 60er Jahren. Bei der Jungen Akademie in München las ich mit Günter Eich, Herbert Achternbusch und Michael Groißmeier , der sich mit dem Schreiben von Haiku bereits einen Namen gemacht hatte. Er hat mich dazu animiert, selbst mit dem Schreiben von Haiku anzufangen, da er in mir das nötige künstlerische Potential gesehen hat. Danach habe ich für Haiku schnell Feuer gefangen.

Was fasziniert Sie an Haiku?

Ingo Cesaro: Mit einem Haiku fängt man die ganze Welt in nur einem Atemzug ein. Haiku sind nicht einfach nur Gedichte, die man schreibt – dahinter steht eine ganze Ästhetik, eine Meditationsform des Zen-Buddhismus, die zu Papier gebracht wird.

Wie lange dauert es von der ersten Idee zum fertigen Haiku?

Ingo Cesaro: Wenn man die Lebensweise hinter dem Haiku, also sowohl Ästhetik und Ethik, verinnerlicht hat, dann ist es nicht schwierig, ein Haiku zu schreiben. Ganz oft fallen mir die Haiku einfach zu – manchmal gibt es aber auch Haiku, an denen ich mehrere Wochen schreibe. Auf jeden Fall braucht es viel Übung, bis das Schreiben von Haiku perfektioniert ist.

Was inspiriert Sie für Ihre Werke?

Ingo Cesaro: Ich sammle überall Inspirationen. Aktuelle Geschehnisse in der Politik geben mir die zündenden Ideen für meine politischen Gedichte. Im Gegensatz dazu sind es nur einzelne Bilder beim Spazierengehen oder beim Blick aus dem Fenster, die mich zu meinen Haiku inspirieren.

Wie geht es danach weiter?

Ingo Cesaro: Nun, bei meinen Gedichten sammle ich erst einmal alles Material zu dem Thema, suche möglichst alle Reizwörter, die sich mit dem Thema in Verbindung bringen lassen. So gehe ich sicher, dass ich wirklich alle Aspekte, die für das Thema essentiell wichtig sind, auch tatsächlich für das Gedicht berücksichtige – auch wenn sie ihren Weg tatsächlich nicht aufs Papier finden, dann behalte ich sie wenigstens beim Schreiben im Hinterkopf. Manchmal geistern mir bestimmte Wörter oder Themen wochen- oder monatelang im Kopf herum, bis ich mit dem Bleistift die erste Rohfassung des Gedichts schreibe. Das wird etwa fünf bis sechsmal umgeschrieben, bis ich es das erste Mal auf der Schreibmaschine abtippe. Die erste Schreibmaschinen-Fassung wird nochmals fünf bis sechsmal bearbeitet und umgeschrieben. Die letzte Fassung lasse ich schließlich nochmals Wochen liegen und lese sie mir nach einiger Zeit noch einmal durch – bin ich dann mit dem Gedicht zufrieden, dann ist es für eine Veröffentlichung reif.

Viele Autoren werden von der berühmt-berüchtigten Schreibblockade heimgesucht. Waren auch Sie schon einmal an einem Punkt, an dem es mit dem Schreiben so gar nicht klappen wollte?

Ingo Cesaro: Das ist mir bisher zum Glück erspart geblieben, denn ich habe das Glück, dass ich selten nur an einem Gedicht oder Haiku schreibe. Stattdessen befinden sich meist mehrere Gedichte zeitgleich im Entstehungsprozess. Fehlt mir die Inspiration für das eine Gedicht, mache ich einfach mit einem anderen weiter, bis mir die passende Eingebung kommt. Natürlich gibt es auch Themen, die sich zeitlich nicht allzu weit in die Zukunft schieben lassen. Auch wenn ich da einen bestimmten Zeitpunkt habe, zu dem das Gedicht fertig sein muss: Ich setze mich nicht unnötig unter Druck, indem ich mir einen Zeitplan aufzwingen lasse.

Was geben Sie jungen Autoren auf den Weg, die dasselbe erreichen wollen, was Sie bereits geschafft haben?

Ingo Cesaro: Schreiben, schreiben, schreiben! Besonders zu Beginn der Karriere muss man fleißig sein, um sich als Autor entwickeln zu können. Es wird natürlich vorkommen, dass es in der Anfangszeit Rückschläge gibt. Hier gilt es: Immer am Ball bleiben und trotzdem weiter schreiben! Nur so wird die Sprache besser und man kann als Autor wachsen. Ich denke, Schreibübung ist deutlich sinnvoller als jeder Unterricht. Wer Haiku schreiben möchte, sollte sich zuerst über die festen Schreibregeln und die Hintergründe der traditionellen japanischen Haiku informieren, bevor er die Vorgaben mit eigenen Ideen füllen kann.

Welche künstlerischen Projekte laufen aktuell?

Ingo Cesaro: Im Moment steht der Wolf extrem im gesellschaftlichen Diskurs: Die einen freuen sich, dass er wieder in die heimischen Wälder zurückkehrt, die anderen betrachten ihn als gefährlich und sehen durch die Rückkehr eine akute Bedrohung. Eines meiner aktuellen Projekte beschäftigt sich genau mit dieser Thematik. Illustriert wird es von der Schweizer Künstlerin Brigitte Iseli-Neustäbler. Gerade ist der Haiku-Kalender zusammen mit Georg Baier für kommendes Jahr mit dem Titel: „Rette sich wer kann“ erschienen. Weiterhin arbeite ich an dem Gedichtzyklus „Dein Herz verbrannte nicht“. Dabei geht es um Jan Palach, einem tschechischen Studenten, der sich vor genau 50 Jahren aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings und gegen das Diktat der Sowjetunion auf dem Wenzelsplatz selbst verbrannte. Natürlich schreibe ich auch an verschiedenen Gedichten, ohne einen bestimmten Gedichtband im Hinterkopf zu haben.

In diesen und bereits vergangenen Projekten arbeiten Sie ganz eng mit anderen Bereichen, wie zum Beispiel der Malerei oder der Musik, zusammen. Wie ist es denn möglich, diese künstlerischen Bereiche zu verknüpfen?

Ingo Cesaro: Das geschieht meist ganz von selbst. Bei Lesungen und Projekten im In- und Ausland lerne ich Künstler kennen und im Gespräch entwickeln sich dann Ideen zur Zusammenarbeit. Wie zum Beispiel bei meinem Wolfsprojekt: Als ich der Schweizer Künstlerin erzählt habe, dass ich an einem Buch über Wölfe arbeite, meinte sie, dass sie schon ewig das Motiv des Wolfs im Kopf hatte, aber noch nie einen Anlass sah, das auch in Holz zu schneiden. Gemeinsam haben wir uns dann überlegt, wie wir meine Gedichte und ihre Bilder zusammen bringen können.

Vor kurzem ist die Ausstellung zur HolzART gestartet. Wie kam es zu diesem einzigartigen Kunstprojekt?

Ingo Cesaro: Als ich nach 15 Jahren aus Frankfurt zurück nach Kronach kam, hatte ich viele Grafiker, Maler, Musiker und auch Bildhauer Freunde gefunden, die gern mit mir zusammen gearbeitet hätten. Ich wollte ein Projekt im Landkreis Kronach ins Leben rufen, das gleichzeitig den Charakter des Kronacher Lands wiederspiegelt. Der Landkreis Kronach wird wohl am meisten vom Frankenwald geprägt, deshalb ist die Wahl auf das Holzbildhauen gefallen. Die tiefe Verbundenheit zum Holz ist einfach spürbar – und wir können auf regionale Materialien zurückgreifen. Natürlich wird kein Baum extra für die HolzART gefällt, sondern wir nehmen Baumstämme, die ohnehin bei der Beforstung im Frankenwald übrig bleiben. Im Laufe der Zeit ist ein Netzwerk an internationalen Holzbildhauern entstanden, die ich zur HolzART nach Kronach einladen kann.

Wie gefällt es den Künstlern in Kronach?

Ingo Cesaro: Die Resonanz ist durchweg positiv. Auch, wenn an den einzelnen Standorten im Kronacher Land nicht immer die idealsten Bedingungen herrschen: Die Künstler wollen wieder zur HolzART kommen und empfehlen mich auf anderen Symposien weiter, sodass auch neue Künstler auf mich zukommen und mitmachen möchten. Ein besseres Image könnte ich mir gar nicht vorstellen.

Haben Sie neben all der Planung und Organisation Zeit, auch selbst einmal den Künstlern über die Schulter zu blicken?

Ingo Cesaro: Natürlich! Ich fahre jeden Tag bei den einzelnen Holzbildhauern vorbei und sehe mir die entstehenden Werke an. Es ist immer wieder faszinierend, Tag für Tag den Fortschritt zu sehen.

 

 

Was bewundern Sie am Holzbildhauen?

Ingo Cesaro: Da steht ein ungeformter Holzstamm und die Bildhauer sehen darin die fantasievollsten Figuren. Es wird nichts an das Holzstück angebaut, die ganze Figur entsteht durch das Wegsägen von Holz – das muss man sich vor Augen führen! Dieses plastische Sehen und das Verständnis für das Rohmaterial beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue. Und das Improvisationstalent der Holzbildhauer: Nimmt das Holzstück eine unerwartete Krümmung, muss diese in die Figur mit eingearbeitet werden.

Es sind auch in diesem Jahr wieder Künstler aus den verschiedensten Ländern bei der HolzART vertreten. Gibt es da Verständigungsprobleme zwischen den Zuschauern und den Künstlern?

Ingo Cesaro: Nein, ganz im Gegenteil: Wir hatten zum Beispiel in den letzten Jahren einen polnischen Künstler zu Gast bei uns – mit den Interessierten konnte er sich gut verständigen und zum Schluss kam sogar ein Zuschauer, der ebenfalls polnisch sprechen konnte. Der Künstler hat sich wahnsinnig gefreut, so weit weg von der Heimat seine Muttersprache sprechen zu können. Schlussendlich ist es auch so, dass Kunst jede Sprache spricht.

Gibt es ein Stück aus den letzten Jahren, das Ihnen in besonders positiver Erinnerung geblieben ist?

Ingo Cesaro: Ich fand jede einzelne Skulptur einzigartig! Es ist schön zu sehen, wie sich jeder Künstler selbst verwirklicht und der Skulptur seinen ganz eigenen Stil gibt. Ob eine realistische oder eine abstrakte Skulptur: Man merkt deutlich, dass alle Künstler bei der HolzART ein Herzensprojekt verfolgen und hinter jeder Skulptur eine ganz persönliche Botschaft steckt.

Was erhoffen Sie sich für diese HolzART?

Ingo Cesaro: Ich weiß, dass die Festung Rosenberg während der Ausstellungsdauer etwa 20.000 Besucher anzieht. Ich würde mir wünschen, dass möglichst viele von ihnen auf dem Weg nach oben stehen bleiben und die Skulpturen betrachten. Vielleicht schließt einer von ihnen eine der Skulpturen besonders ins Herz und möchte ihr ein neues Zuhause in unserer Region geben.

Das Interview führte unsere Redakteurin Daniela Pondelicek.